Jana Schlütter

freie Wissenschaftsjournalistin

June 29, 2013
by Jana
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The Big Roundtable

10 000 Wörter. Wörter, nicht Zeichen. So lang waren unsere Abschlussarbeiten an der Columbia Journalism School. Sorgfältig recherchiert, mit viel Herzblut geschrieben, von Dutzenden Kollegen redigiert. Viele der so entstandenen Texte sind sehr lesenswert, aber zu lang für jedes Medium, das ich kenne. Einige von uns haben Versatzstücke verkauft. Andere  denken über Bücher nach oder haben bereits damit begonnen. Der Rest staubt in der Bibliothek der J-School ein. Wer will schon noch longform narrative journalism? In Zeiten des Internets?

Nun hat eine Gruppe Studenten gemeinsam mit Michael Schapiro in eben jenem Netz eine Plattform für all diese Perlen geschaffen: The Big Roundtable. Neben jedem Text taucht ein kleiner Button auf. Wer will, kann dort für das Lesevergnügen bezahlen. So viel, wie es ihm wert ist. Sie nennen das Radiohead Journalism.

Meine Tipps: Miracle on Molokai von David Zax. Und The Paradox of the Proof von einem Vorgängerprojekt aus dem Frühjahrssemester der Klasse von 2013 (die Autorin des zweiten Textes, Caroline Chen, hat auf diese Art und Weise schon ein ansehnliches Honorar verdient: fast 2000 Dollar).

Großartiger Wissenschaftsjournalismus!

December 1, 2012
by Jana
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Irre Leserbriefe

Normalerweise beantworte ich fast jeden Leserbrief, aber manchmal fehlen einem Worte. Neulich erreichte mich dieses Pamphlet:

“Sehr geehrte Frau Schlütter,

in einem Artikel in der A-Umschau, Rubrik (Forschung & Wissen), schreiben Sie über Killerviren und die Forschung in einem Hochsicherheitstrakt. Auf Seite 70,  3. Spalte, steht  “So wurde auch das Immunschwächevirus HIV zur globalen Seuche”.
Nach meinen Informationen liegt aber bis heute kein Bild aus einem Elektronenrastermikroskop vor, der dieses Virus sichtbar macht.  Die Bilder, die immer wieder auftauchen, sind Computermodelle. Es gibt genügend Mediziner, die in der Zwischenzeit diesen angeblichen Virus anzweifeln. Wie aber kann ein nichtvorhandener Virus eine Immunschwäche auslösen? Bitte informieren Sie mich, wenn es Dinge gibt, die ich verschlafen habe, z.B. Bilder dieses HI-Virus in einer wissenschaftlichen Publikation.

Herzlichen Dank
HG”

Unterzeichnet mit vollem Namen, ich war so frei, die offensichtlichen Rechtschreib- und Grammatikfehler zu korrigieren. Inhaltlich ist es einfach nur jenseits von Gut und Böse.

 

January 20, 2012
by Jana
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Blick ins Hirn

Drei Mal lag ich für ein Forschungsprojekt an der Berliner Charité im Scanner, habe dort Aufgaben gelöst oder auch versucht, an rein gar nichts zu denken. Wer ständig über solche Experimente schreibt, sollte selbst auch mal teilgenommen haben, finde ich. Nun kam per E-Mail ein Dankeschön der Wissenschaftler: Ein Blick ins eigene Gehirn! In 3-D! Die Freude über solche Bilder können wahrscheinlich nur Kollegen nachvollziehen, die auch über Neuro-Themen schreiben …

November 12, 2011
by Jana
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Vom Umgang mit Quellen

Endlich. Die Geschichte ist fertig, alles hat seinen Platz, es liest sich gut. Also schnell abschicken? Oder erst von den zitierten Forschern gegenlesen lassen? In den letzten Wochen hat sich darum eine engagiert geführte Diskussion unter Wissenschaftsjournalisten und Forschern entsponnen. Eine gute Zusammenfassung findet sich im Blog “The Panic Virus”.

Die meisten deutschen Wissenschaftler sind heilfroh, wenn sie gegenlesen dürfen. Natürlich geht es dabei nicht darum, ganze Artikel zur Freigabe vorzulegen. Erst recht nicht, wenn es um kontroverse Themen geht. Aber in Passagen über komplexe Experimente/ Theorien / Zusammenhänge schleichen sich allzu schnell Fehler ein. Den meisten Artikeln tut es gut, wenn ein Experte die entsprechenden Absätze noch einmal liest. Auf Wunsch lege ich auch wörtliche Zitate vor.

Beides hindert einen nicht daran, zu Studie xy eine zweite Meinung von einem unbeteiligten Wissenschaftler einzuholen. Wo also ist das Problem? Zeigt die Debatte einfach einen Unterschied zwischen anglo-amerikanischem und deutschen Journalismus? Hierzulande werden ja ganze Interviews autorisiert … auch wenn die Antworten auf Band vorliegen. So manchem amerikanischen Kollegen dürften sich bei der Vorstellung die Nackenhaare aufstellen.